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Feldl‘s Teufelsrad – Deftige Drehmomente auf der Wiesn

Feldl's Teufelsrad - seit 1908 auf dem Oktoberfest mit den besten Beleidigungen der Wiesn

Aussitzen ist das A und O

Der höchste transportable Freifallturm der Welt! Die größte mobile Achterbahn der Welt! Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest punkten gerne mit Superlativen und Hightech und das sei ihnen natürlich gegönnt. Aber vielleicht kennen Sie das: die einfachsten Sachen sind oft die spaßigsten.

1908 fand sich erstmals ein sogenanntes Teufelsrad auf der Wiesn, damals auch Taifun oder Freudenrad genannt. Das Ganze war und ist eigentlich recht simpel. Inmitten von Zuschauertribünen steht eine runde Scheibe mit etwa fünf Metern Durchmesser. Die Leute setzen sich drauf, sie beginnt sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller.

Irgendwann verliert durch die Zentrifugalkraft jeder seinen Halt und rutscht gegen die Bande, bei den besonders Geschickten wird mit Lassos und einem großen Ball nachgeholfen, der von der Decke pendelt. Wer am längsten drauf bleibt, ist der Sieger. Zu gewinnen gibt es nichts – außer natürlich den kurzen Ruhm inmitten der Arena.

Die Idee zum Teufelsrad hatte die Schaustellerlegende Carl Gabriel, der München mit dem ersten Filmtheater und die Wiesn mit sogenannten Menschen- und Exotenschauen, dem Hippodrom, der Hexenschaukel und der ersten Achterbahn beglückte. Damals ein Großkopferter. Die Leute waren begeistert, er stockte auf und zeitweise standen bis zu zehn Teufelsräder auf der Wiesn.

 

Derblecken – die besten Beleidigungen der Wiesn

Nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen Rudolf und Betty Feldl das Teufelsrad und führten das ein, was es heute zum Kult macht: den »Rekommandeur«. Das ist der Fahrdienstleiter und Moderator, der entscheidet, wer auf das Rad und wie lange er draufbleiben darf. Aber noch wichtiger: Seither werden den Mitfahrern deftige Sprüche und bayrische Kraftausdrücke um die Ohren gehauen, teilweise bis hart an die Schmerzgrenze.

Die Rekommandeure sind Meister des Derbleckens. Man kennt diese bayrische Tradition vom Nockerberg, bei dem Politiker aufs Korn genommen werden. Das Derblecken geht aber – soweit man weiß – auf die Dorfwirte zurück, die über die Geschichten und Gerüchte über ihre Gäste meist gut informiert waren und sie damit aufzogen, man spricht im Bayrischen vom ’naufg’schossen.

Die Kunst eines Rekommandeurs ist es, den schmalen Grat zwischen Gaudi und Beleidigung zu treffen, mit scharfem Blick treffende Bezeichnungen für Menschen zu finden, die man nicht kennt.

Aktuell wechseln sich Franz Fesenmayer, Horst Hermann und Ludwig Wiggi Kugler auf der Empore ab. Politisch korrekt ist bei ihnen überhaupt rein gar nichts. Männer sind prinzipiell »Damische« oder »Deppen«. Wenn der Ball zum Einsatz kommt: »Da kann der Ball nix mehr schaden, bei den G‘sichtern.« Allzu sensibel darf man freilich nicht sein, denn wer eingeschnappt reagiert, brockt sich nur noch größeres Johlen der Zuschauer ein. Je später der Abend und je höher die Pegel desto unterhaltsamer wirds.

 

Reibung und Fliehkräfte auf dem Teufelsrad

Es sieht leicht aus, die Sache einfach auszusitzen, aber meistens dauert es nur Sekunden, bis die Leute abgeräumt sind. Rekordhalterin ist Laura, die sich sage und schreibe über neun Minuten auf der Scheibe hielt. Sie hatte als Schaustellerkind aber auch viel Übung, denn die Wiesn-Kinder stürmen seit Generationen nach der Schule das Teufelsrad.

Stichwort Schule: Die Kollegen von der Süddeutschen haben vor einigen Jahren die Physik der Wiesn erkundet. Wie so oft auf dem Oktoberfest geht es um Reibung und Fliehkräfte. Naturwissenschaftlich sieht das so aus: FZ = m · w² · r sowie FR = FN · µ = m · g · µ wobei FZ > FR besonders gut ist und zum Schluss kommt dann w² · r · (µ · sin Alpha + cos Alpha)>g · (µ · cos Alpha – sin Alpha) raus.

War klar, Haferlschuhe sollte man eher nicht tragen. Wer sich aber noch detaillierter informieren mag, für den weiß Georg Eggers von der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik München genauer Bescheid.

 

Spurwechsel-Praxistipps fürs Aussitzen

Wir konzentrieren uns lieber auf Praxistipps. Was wohltuend ist: »Masse« an sich spielt keine Rolle. Große und Kleine, Dicke und Dünne haben gleiche Startbedingungen. Muskelkraft ist zwar nicht ganz verkehrt, aber grundsätzlich kommt es auf die Technik an.

  1. Trauen Sie keinem. Fairplay ist seit 1908 weder gewünscht noch darf es erwartet werden.
  2. Versuchen Sie das Rad im Sturm zu nehmen und einen Platz in der Mitte zu ergattern. Da ist die Zentrifugalkraft am geringsten.
  3. Barfuß oder mit Gummisohlen halten sie sich länger, am besten die Fußsohlen flach auf dem Boden halten.
  4. Probieren Sie nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen, sonst wird es zu rutschig.
  5. Speckige, kurze Lederhosen helfen sehr – sowohl neben als auch auf dem Rad.
  6. Dirndl sind weniger zu empfehlen – das gilt aber wiederum NUR auf dem Rad.
  7. Flach hinlegen, sobald der Ball und die Lassos zum Einsatz kommen!

Abgerissene Hosenträger und hochgerutschte Röcke gehören beim Teufelsrad auf der Wiesn dazu. Blaue Flecken können vorkommen, wenn es dumm läuft auch mal eine blutige Nase oder Schürfwunde vom Seil. Allerdings wird garantiert: »Es brauchts koa Angst vorm Ball ned hom, do is nur an Schaumgummi drin. Erst auf’d Nacht, wann de B’soffna kemma, mach ma Zieglstoa eini.«

Die meisten Gäste und Elisabeth Polaczy, deren Familie 2002 das Teufelsrad von Betty Feldl geerbt hat und bis heute betreibt, nehmen sowas aber entspannt: »Da gibt’s von uns ein Pflaster drauf und am nächsten Tag sind sie wieder da. Ich weiß ned, vielleicht sind sie masochistisch veranlagt.«

 

Bodenständigkeit & Chancengleichheit am Teufelsrad

Das Schöne am Teufelsrad ist seine Bodenständigkeit – die Preise sind mit etwa 4 Euro Eintritt human, schwach angeredet wird grundsätzlich jeder, alle dürfen ins Zelt und wenn der Mut dafür reicht auf die Scheibe. Einmal die Kinder, dann die Lederhosenträger, dann die Frauen ab Körbchengröße D …

Karl Valentin und Lisl Karlstadt amüsierten sich ebenso wie OB-Reiter, der seit einigen Jahren eine durchaus gute Figur macht, auch die Wiesn-Polizei schaut regelmäßig vorbei (»De kennan lang sitzen, des san schließlich Beamte«), sogar eine 100-jährige hat es mal probiert und kam wieder. Einen Promibonus gibt’s nicht. Elyas M’Barek hat sich in einen Lederhosenträger-Haufen (»Deppenhaufen«) geschmissen und gewann, Lilly Becker und Cathy Hummels aber … Schwamm drüber.

 

Wir von Spurwechsel sind Optimisten: Das 187. Oktoberfest wird vom 17. September bis zum 3. Oktober 2022 stattfinden und auch Feldl’s Teufelsrad seine Runden drehen. Das Gefährt hat Generationen zum Lachen gebracht, danach stolperten und wankten sie etwas verwirrt hinaus in die Nacht und den Rest ihres Lebens. Und eben dafür ist die Wiesn ja da.

Ihr Team
vom Spurwechsel München-Blog

 

PS Vielleicht entschädigen Sie sich, die Familie und Kollegen für den dieses Jahr ausgefallenen Oktoberfest-Besuch mit einem unserer Angebote. Auch in der Bayrischen Olympiade kann man eine Riesengaudi haben. Und wenn Sie mal von einem talentierten Rekommandeur und Stimmungsmusik unterhalten werden mögen, dann legen wir Ihnen die Isar-Floßfahrt ans Herz.

 

Postkarte: „Das Teufelsrad“ © Paul Otto Engelhard, Ottmar Zieher, 1912, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater / Schaustellerei

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